Wie lektoriert man Comics? Einblicke am Beispiel von Matthias Gnehms neuem Buch «Die kopierte Stadt»

Die Vernissage fand im Cabaret Voltaire in Zürich statt. Matthias Gnehm signierte dort seinen frisch gedruckten Architektur-Comic «Die kopierte Stadt», genauer: Statt einer Widmung kopierte er live etwas in jedes einzelne der zahlreich erstandenen Exemplare. Erstmals wurden auch die in Pastellkreide gezeichneten Originale ausgestellt an diesem Abend, auf den der Autor rund 15 Monate lang hingearbeitet hat.

Der Vernissage vorangegangen ist ein intensiver Prozess von der Idee bis zur Publikation in vielen einzelnen Arbeitsschritten. Einer davon ist das Lektorat.

«Ich bin der Meinung, dass kein Thema zu komplex ist für Comics», sagt Matthias Gnehm – und legt mit seinem 8. Comic gleich einen weiteren Beweis dafür vor. 

Während des Zeichnens können sich Figuren, Plot und Dramaturgie im Vergleich zum Storyboard nochmals stark verändern. 

Komplexer, als man denken könnte, ist auch die Lektoratsarbeit an Comics. Sie stellt ganz andere Anforderungen an den Lektor oder die Lektorin als ein Roman oder eine Erzählung. Augenfälligster Unterschied zwischen diesen Medien ist natürlich, dass der Text beim Comic in der Regel nur einen Bruchteil des Ganzen ausmacht. Er beschränkt sich auf knappe Dialoge, kurze Off-Kommentare und Lautmalerei. Was gibt es da also gross zu lektorieren? 

«Das Lektorat ist ein entscheidender Arbeitsschritt», erklärt Matthias Gnehm, «weil die Lektorin nicht nur auf der Textebene, sondern auch auf allen anderen Ebenen kritisch liest und schaut und nachfragt. Sei es bei der Figurenzeichnung, deren Charakterisierung oder Motivation, bezüglich der Logik von Bildanschlüssen oder auf der dramaturgischen Ebene. Bisweilen vermisst sie Bildelemente, die für Plot und Spannungsbogen relevant sind. Oder aber sie entdeckt Bildelemente, die noch aus ersten, verworfenen Entwürfen stammen und verwirren können. Und nicht zuletzt möchte ich für pointierte Dialoge und präzise Texte auf ein Lektorat nicht verzichten.» 

Der Entwurf in Schwarzweiss: Noch sind die Texte in Coumputerschrift gesetzt.

Wer Comics lektoriert, muss sich also auf allen Ebenen «einmischen», auf der sprachlichen ebenso wie auf der Bildebene, bei Fragen zu Dramaturgie, Spannungsbogen und Tempo, bei der Art und Lautstärke der Geräusche, dem Schnitt von Bild zu Bild und von Buchseite zu Buchseite. Denn alle diese Elemente sind hier untrennbar miteinander verknüpft – was das Genre Comic ja auch so einzigartig macht. Die Einmischung des Lektorats im richtigen Moment kann den Arbeitsprozess daher entscheidend beeinflussen. Handlung und Auflösung der Geschichte nehmen oft erst während des Zeichnungsprozesses klare Konturen an, sie wandeln sich, werden zugespitzt, gewinnen an Tempo und entwickeln bisweilen eine richtiggehende Eigendynamik.

«Das Storyboard kann sich im Verlauf meiner Arbeit an einem Comic nochmals sehr verändern», bestätigt Matthias Gnehm. «Die kopierte Stadt spielt in Zürich und in Zürichs Partnerstadt Kunming. Während meiner Recherche am Schauplatz des Geschehens sah ich viele meiner vorgefassten Bilder von China nicht bestätigt. Sie entpuppten sich als Vorurteile bezüglich dem Ort und der Architektur, gegenüber den Menschen und der chinesische Kultur überhaupt. Und hinzu kamen in dieser Arbeitsphase dann auch wichtige Einwände und kritische Fragen des Lektorats.»

Die in Pastellkreide gezeichnete Originalvorlage für den Druck, mit allen Texten in Matthias Gnehms Handschrift. 

Im ursprünglichen Storyboard zum Comic «Die kopierte Stadt» wirkten die Figuren noch zu holzschnittartig, die Handlung war noch nicht eng genug verknüpft mit glaubhaften Beweggründen der Figuren, mit dem Schauplatz und dem kulturübergreifenden Kontext dieser packenden Geschichte um Architektur, Städtebau, Sex und Crime. 

«Eine Hauptschwierigkeit besteht für mich auch immer wieder darin, dass ich bei der Arbeit an meinen Büchern ab einem gewissen Punkt selbst zu viel über meine eigenen Geschichten weiss. Das kann dazu führen, dass ich gar nicht mehr alles erzähle, was ich weiss, in der falschen Annahme, der Leser wisse es ja auch längst. Vor solchen Trugschlüssen rettet mich das Lektorat zum Glück immer wieder.» 

  Der Buchumschlag im fertigen Layout mit dem Protagonisten der Geschichte: Leo Lander.

Die kopierte Stadt ist in der Edition Hochparterre erschienen.

Lektorat: Katharina Blarer