Das private Buch: Nur ein Trend oder eine Erfolg versprechende Alternative?

Als «Erlösung aus der Privatheit» beurteilt der Schriftsteller Klaus Merz seine Zusammenarbeit mit Verlagen, die 1967 im St.Galler Tschudy-Verlag begonnen hat. Heute beobachtet Merz eine sich öffnende Schere zwischen der schwindenden Anzahl Verlage und dem wachsenden Trend des Selfpublishing und bemängelt die Belanglosigkeit vieler veröffentlichter Werke. 

Ohne Zweifel trifft Klaus Merz' Einschätzung für anspruchsvolle Belletristik zu. Er betont denn auch: «Literatur besteht aus Sprache, nicht aus Schicksal und gutem Willen. Es sind nach wie vor unsere Verlage, die den Boden für den anspruchsvollen Austausch geistiger Roh- und Nährstoffe bereitstellen und beackern.»

Für andere Genres sehen wir Büchermacher Selfpublishing – das private Buch eben – aber durchaus als Erfolg versprechende Alternative. Zu individuell sind die Ansprüche, die an Bücher gestellt werden, um deren Erarbeitung, Gestaltung, Vervielfältigung und Verteilung über einen Leisten zu schlagen.

Doch bleiben wir vorerst beim Selfpublishing im Allgemeinen: Wer sind die Autorinnen und Autoren, die ihre Werke auf eigene Faust herausbringen? Was veröffentlichen sie? Wie verkaufen sie? Und was treibt sie an? 

Die Umfrage «Selfpublishing in Deutschland 2014» geht diesen Fragen auf den Grund und erlaubt es, Merkmale der Selfpublishing-Bewegung zu beschreiben2014 zum zweiten Mal unter rund 850 Autorinnen und Autoren durchgeführt, porträtiert die Umfrage eine Bewegung von Individualisten. Sie publizieren nicht bei Verlagen, sondern verbreiten ihre Werke direkt an Leserinnen und Leser.

Die wichtigsten Umfrageergebnisse im Überblick:

Merkmale Rund 60 Prozent der Autorinnen und Autoren sind weiblich, der Altersdurchschnitt beträgt 45 Jahre und rund die Hälfte hat ein Studium abgeschlossen. Etwa 70 Prozent haben bereits mehr als einen Titel selbst publiziert. Rund 40 Prozent veröffentlichen auch bei Verlagen.

Formen Fantasy, Gegenwartsliteratur sowie Kinder- und Jugendbücher sind die am häufigsten genannten Genres; E-Book, enhanced E-Book und Softcover sind die beliebtesten Veröffentlichungsformen. Hardcover, Hörbuch und App werden deutlich seltener genannt. Über 75 Prozent der Werke werden für weniger als 5 Euro angeboten.

Bedürfnisse Obwohl Lektorat und Korrektorat laut den befragten Selfpublishing-Autorinnen und -Autoren wenig zum Erfolg beitragen, werden diese Arbeiten am häufigsten an Spezialisten ausgelagert. Nur eine Minderheit von rund 15 Prozent investiert mehr als 500 Euro in die Erarbeitung und Verbreitung ihres Werks.

Verkaufswege  Soziale Netzwerke, Mund-zu-Mund-Propaganda sowie eigene Websites und Blogs sind die bedeutendsten Promotionskanäle. Amazon ist mit Abstand der wichtigste Absatzkanal. Über die Hälfte der Autorinnen und Autoren verdienen mit ihren Publikationen weniger als 50 Euro pro Monat, rund 10 Prozent nehmen jedoch über 1000 Euro ein.

Motivation Freiheit, Kontrolle und Einfachheit werden als die wichtigsten Motivationsgründe genannt. Verdienst oder Ablehnung durch Verlage sind vergleichsweise unbedeutend. Über 80 Prozent würden ihre Werke auch bei Verlagen veröffentlichen, sofern die ihnen angebotenen Bedingungen stimmen. Die Reichweite der Verlage und ihre Möglichkeiten im Marketing sind für die Selfpublishing-Autorinnen und -Autoren die stärksten Beweggründe, um ihre Werke einem Verlag anzuvertrauen.

Die Umfrageergebnisse zeigen eindrücklich, wie niederschwellig Selfpublishing-Autorinnen und -Autoren ihre Bücher heute produzieren und vertreiben können, wie individuell sie das Medium Buch nutzen und wie unterschiedlich ihre Ansprüche und Erwartungen sind.

Wir Büchermacher arbeiten wiederum für Unternehmen und Institutionen, die bewusst an die Tradition und Qualität des Buchs anknüpfen, um zu feiern, zu informieren, zu bilanzieren, zu bilden oder sogar um Identität zu schaffen. Wie die Selfpublishing-Autorinnen und -Autoren wollen sie sich keinen Verlagsvorgaben unterordnen, ziehen aber oft unabhängige Publikationsspezialisten bei. Für sie ist es zentral, dass die Botschaften in ihrem Sinne professionell erzählt und gestaltet werden. Erfolg definieren unsere Kunden denn auch vorwiegend über die Wirkung, die sie bei ausgewählten Zielgruppen erreichen.

Bei Klaus Merz' Text «Die Erlösung aus der Privatheit» handelt es sich um die Eröffnungsansprache zur Präsentation «Publishers in Residence» im Museum Strauhof, der am 20. Februar in der Neuen Zürcher Zeitung abgedruckt wurde: www.nzz.ch

«Selfpublishing in Deutschland 2014 – Eine umfassende Studie» von Hilke-Gesa Bussmann und Matthias Matting kann als Kindle Edition kostenlos bezogen werden: www.amazon.de

Matthias Matting betreibt die Website www.selfpublisherbibel.de, die Nachrichten, Analysen und praktische Ratschläge versammelt.