Rolle der Bibliotheken: Warum diese Polarisierung?

Ein Interview der NZZ am Sonntag vom 9. Februar mit Rafael Ball, dem Leiter der ETH-Bibliothek, bewegt die Gemüter. Er sieht die Rolle der Bibliotheken als überbewertet und meint lapidar, «mit der Volksbildung sind die öffentlichen Bibliotheken gekommen, mit dem Internet gehen sie wieder».

Horrorszenario

Diese Einschätzung führt zu geharnischten Reaktionen. Der Wissenschaftsforscher Michael Hagner schreibt in seiner Replik, die am 12. Februar in der Neuen Zürcher Zeitung erschienen ist, von einem Horrorszenario. Zwei Tage später versammelt eine Leserbriefseite in der NZZ am Sonntag weitere Reaktionen. Hier ist von Provokation, gefährlicher These, gefallenem Engel, Kurzsichtigkeit und Ahnungslosigkeit die Rede.

In der gleichen Zeitungsausgabe erhalten zwei Kollegen von Rafael Ball Raum, um ihre Sicht darzustellen. Auch Claus Ceynowa, Generaldirektor der Staatsbibliothek in München, und Andreas Degkwitz, Direktor der Bibliothek der Humboldt-Universität in Berlin, halten sich nicht zurück mit Kritik und vergleichen Balls Position mit der eines «Schnorrers, der gratis nutzt, was andere leisten, und deshalb meint, diese Leistung geringschätzen zu können». 

Publishers in Resistance

Diese Reaktionen erinnern an die Abwehrhaltung der Buchbranche allgemein. Als 2008 der Entwurf für das Buchpreisbindungsgesetz auf dem Tisch lag, sah der Schweizerische Buchrat den Buchmarkt als Ganzes untergehen und zog das Beispiel Grossbritannien heran, um – fälschlicherweise – zu argumentieren, dass ohne Preisbindung die Hälfte der kleinen und mittleren Buchhandlungen schliessen, Buchpreise steigen und der Bestsellermarkt vollständig von branchenfremden Discountern übernommen würde.

Und schliesslich kreierten 2015 die über zwanzig Buchverlage, welche für die Veranstaltungsreihe «Publishers in Residence» im Strauhof Zürich verantwortlich zeichneten, die Wortmarke «Publishers in Resistance», um über ihre Zukunft zu diskutieren.

Medienwandel als Chance

Warum diese Polarisierung? Klüger wäre es, sich nicht gegen unumkehrbare Entwicklungen zu stemmen. Denn was Rafael Ball im Interview sagt, ist nichts Neues. Wir erleben einen Medienwandel, der viele Risiken mit sich bringt. Bekanntlich bergen Risiken neben Gefahren aber immer auch Chancen. Diese gilt es aktiv zu gestalten und zu nutzen – gerade in einem so schwierigen Umfeld wie der Buchbranche.