Katharina Blarer spricht mit dem Comiczeichner Matthias Gnehm über die Recherche für seine neue Graphic Novel «Salzhunger»

Der mehr zufällig denn bewusst gewählte Arbeitstitel von Matthias Gnehms neuer Graphic Novel hat erst im Laufe seiner Recherchereise nach Lagos eine konkrete Bedeutung erhalten: «Klar war am Anfang nur, dass sich die Story um Erdöl dreht, um seine Gewinnung, die Raffinierung, den Handel damit und die schmutzige Seite davon. In Nigeria ist mir dann eine Erzählung rund um die Salinen von Keana im östlichen Hochland zugefallen, die meinem intuitiv gewählten Titel im Nachhinein Sinn verliehen hat – und inzwischen einen zentralen Platz in der Story einnimmt.»

Katharina Blarer: Das Thema der Graphic Novel, an der du zur Zeit arbeitest, ist brisant: In Nigeria wollen Umweltaktivisten einen Beweis für die umweltschädigende Geschäftspraktiken eines global tätigen Rohstoffriesen sicherstellen. Dabei geraten sie in ein unentrinnbares Netz aus Korruption und Verrat. Was hat dich zu dieser Geschichte bewogen?

Matthias Gnehm: Um für meinen Comic «Die kopierte Stadt» Anschauungsmaterial zum globalisierten Städtebau zu sammeln, bin ich 2013 nach Peking und Kunming gereist. Seither lässt mich die Frage nach den Grenzen des Wachstums nicht mehr los. Das Szenario, dass die auf der Erde verfügbaren Rohstoffe eines Tages ausgehen könnten, ist beängstigend – und zugleich ein höchst reizvolles Thema für eine Graphic Novel. 

Vor Kurzem bist du eigens für das neue Buchprojekt nach Lagos gereist. Dass auch einer Graphic Novel oder einem Comic gründliche Recherche zugrundeliegt, ist wohl den wenigsten Lesern bewusst. Wie gehst du dabei vor?

Im Zentrum stehen zunächst immer meine Figuren. Was sind ihre Beweggründe? Was macht sie glaubwürdig? Was wissen sie? Mein Protagonist Arno Beder ist Umweltnaturwissenschafter. Seine Mitstreiterin Paula Hofer arbeitet für eine NGO in Zürich. Also habe ich Bücher, Artikel und Studien gelesen, die auch meine Figuren lesen würden. 

Auf deiner Nigeria-Reise hattest du eine erste Fassung des Storyboards bereits in der Tasche. Wie weit war es da schon gediehen? Oder anders gefragt: Was waren die brennenden Fragen, auf die du in Lagos noch Antworten gesucht hast?

Ich habe vorab alles über Nigeria, Lagos und das Thema Rohstoffhandel verschlungen, was mir unter die Augen kam. Mir eine lebhafte Vorstellung vom 20-Millionen-Moloch Lagos und den Menschen dort zu machen, war dennoch schwierig. Digitale Reisen sind zwar ein Anfang. Aber ich konnte mir noch keine Figur ausmalen, die in Nigeria aufgewachsen ist, als Aktivist in Lagos lebt und einer mir bis dahin unbekannten Kultur angehört. In der ersten Version der Story war diese Figur, die Paula und Arno in Lagos als erfahrener NGO begleitet, denn auch ein Venezolaner. Erst in dieser wummernden, nervösen und unter Dauerstress stehenden Metropole konnte der nigerianische Umweltaktivist Anthony Nwoko überhaupt plastische Formen annehmen und lebendig werden. Zudem habe ich in Lagos auch alle vorrecherchierten Schauplätze der Story fotografiert: den immensen Hafen, das gigantische Neubauprojekt Eko Atlantic City, das Hotel, in dem die drei Umweltaktivisten wohnen, das Polizeihauptquartier, die Strassen, die Autos, die Taxis, den Flughafen, die Slums ...

Gab es Kontaktpersonen vor Ort, die dir Zugang zu den wichtigen Orten und Informationen ermöglicht haben?

Türöffnerin war die Architektin Fabienne Hoelzel. Ihr Büro Fabulous Urban plante und realisierte unter anderem ein Bauprojekt in einem Slum in Lagos. Als sie mir davon erzählte, wurde mir klar, dass meine «Rohstoffgeschichte» nur dort spielen konnte. Sie hat mir den Kontakt zu Monika Umunna vermittelt, die seit 20 Jahren in Lagos lebt und dort für die Heinrich Böll Stiftung Nigeria arbeitet. Ihre Schilderung der Situation in Lagos und ihre kritische Begutachtung meines Storyboards waren sehr wertvoll, um Schauplätze und Handlung der Geschichte mit der Realität in Übereinstimmung zu bringen. Ich habe in Lagos aber auch gefunden, wonach ich gar nicht gesucht habe. Der Zufall wollte es, dass während unseres Gesprächs ihre ehemalige Arbeitskollegin und Aktivistin Azeenarh zu Besuch kam. Sie nahm mich mit in einen Slum, wo kurz zuvor ein Konflikt zwischen den Verfechtern eines Investitionsprojekts und den dort seit sechs Generationen lebenden Menschen völlig eskaliert war. Mir war sofort klar, dass auch dieses Ereignis Teil der Story werden musste. 

Wo stehst du inzwischen mit deinem Work in Progress?

Ich zeichne zur Zeit das Storyboard fertig und beginne mit der Reinzeichnung.

Matthias Gnehm wurde 1970 in Zürich geboren, studierte an der ETH Architektur und arbeitet seit 1999 als freischaffender Comiczeichner. «Salzhunger» – sein zehntes Buch – wird 2018 erscheinen.

www.matthiasgnehm.ch

Fotos und Zeichnungen: Matthias Gnehm